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Jeckischkeit kennt keine Grenzen… Drucken E-Mail
Geschrieben von Manuel K.   
Monday, 1. January 2007
Jeckischkeit kennt kein Pardon - und wer jeckisch ist, der ist auch puenktlich und faehrt auch plangerecht davon.

Diesen und andere, aehnlich ueberzeugende Texte musste ich mir ausdenken, um meine Frau am Freitagmorgen, viertel vor sieben zum Aufstehen zu bewegen. „Denn“, so argumentierte ich, „wer auf ein NOAMWochenende faehrt, das unter dem Zeichen der fuenften Aliah steht, der muss auch seinen inneren Orientalen besiegen koennen und zur ausgemachten Zeit, um 7:45 an der Bushaltestelle Arlozorov erscheinen. Und ausserdem: ‚Morgenstund hat…’“. Weiter kam ich nicht, denn meine Frau hatte sich schon damit abgefunden, dass ich sie nicht weiterschlafen lassen wuerde, und hatte mir auf dem Weg ins Badezimmer die Tuer vor der Nase zugeknallt.


Frisch und froehlich kamen wir also um exakt viertel vor acht am Treffpunkt an. Ausser uns hatten bereits drei bis vier weitere Pioniere den Antrieb gehabt, zur rechten Zeit zu erscheinen und wir erwarteten, innerhalb weniger Minuten abfahren zu koennen.
Kurz nach halb neun waren dann auch der Bus und die Mehrzahl der Mitreisenden eingetroffen. Einige versuchten die Wartezeit oekonomisch zu nutzen und hatten bereits ihr Fruehstueck verzehrt. Gegen 8:45 wurden die letzten noch fehlenden Passagiere kontaktiert, so dass wir dann um Punkt neun Uhr losfahren konnten – anscheinend waren noch nicht alle vom Jeckentum uebermannt worden. Aber, es war ja erst der Anfang. Nach ca. zweieinhalb Stunden Fahrt erreichten wir den Kibbutz Tirat Zwi, wo ein Treffen mit Shaul, einem der ersten und aeltesten Mitglieder des Kibbutzes vereinbart worden war. Von ihm erfuhren wir, dass Tirat Zwi, heute hauptsaechlich als zweitgroesster Wurstwarenproduzent
bekannt, ebenfalls die groesste Fischzuchtfarm u n d e i n e d e r b e d e u n d s t e n Dattelproduktionstellen des Landes ist.

Der dreiundachtzigjaehrige Shaul erzaehlte, wie er in den dreissiger Jahren als Jugendlicher per Kindertransport von Deutschland nach England kam, von wo er, der bereits als Kind eine zionistisch-religioese Erziehung genossen hatte, vier Jahre spaeter nach Israel auswanderte. Er berichtete in charmanter Art und auf e i nwa n d f r e i em De u t s c h , we l c h e Schwierigkeiten beim Aufbau des Kibbutzes ueberwunden werden mussten, von den Vorund Nachteilen des Lebens im Kollektiv und den Eigenheiten und Herausforderungen eines religioesen Kibbutzes im heutigen Israel. Anschliessend bekamen wir eine Fuehrung durch den Kibbutz, die Fischfarmen und die naehere Umgebung. Da Tirat Zwi nur einen Kilometer von der jordanischen Grenze entfernt ist, konnten wir uns ein deutliches Bild von der kritischen Sicherheitslage machen, die vor dem Abschluss des Friedensvertrags geherrscht hatte.

Der Rest des Nachmittags verlief dann recht eriegnislos: Wir erreichten unser Hotel welches eine beeindruckende Aussicht auf den Kinneret bot und bereiteten uns auf das Kabbalat Shabbat Dinner vor. Nach dem (erstaunlich gutem) Essen war der naechste Programmpunkt angesagt: Ein Vortrag von Dr. Guy Meron – ein renomierter G es c hi ch t s for s c her , d es sen l et z t e Veroeffentlichung die Erlebnisse und Eindruecke der Einwanderer der fuenften Alijah behandelt. Da er dieses Thema jedoch am Shabbatnachmittag abhandeln wollte, hielt er stattdessen einen Vortrag ueber die verschiedenen zionistischen Stroemungen, welche vor Mitte der dreissiger Jahre in Deutschland herrschten. Abgesehen von den klas s i schen Zionis ten, welche die Auswanderung nach Israel anstrebten und der Reformbewegung, welche dem Judentum jeglichen Nationalcharakter absprach, gab es Stroemungen, die den Zionismus dahingehend interpretierten, eine Gemeinde in Deutschland aufbauen zu wollen, ohne die nationalen, politischen Elemente des Judentums zu verleugnen. Man koennte sie vielleicht als die Vorlaeufer des heutigen Einheitsgemeindekonzepts betrachten.


Nach dem Vortrag gestaltete jeder sein eigenes Abendprogramm. Einige gingen aus, andere spielten Gesellschaftsspiele und einige Langweiler, darunter auch meine Frau und ich, nutzten die Gelegenheit und gingen frueh zu
Bett.


Der Samstag zeichnete sich durch zwei Programmpunke aus. Nach dem Mittagessen war eine Stadtfuehrung durch Tveriah angesagt, zu der wir natuerlich eine halbe Stunde zu spaet kamen. Trotzdem lernten wir, dass Tveriah nach der Zerstoerung Jerusalems eine der bedeutendsten Staedte fuer das Weiterbestehen der Nation war: Dort residierte der Sanhedrin, dort wurden der Jerusalemer Talmud, die Punktierungszeichen der Vokale im Hebraeischen und die Melodiezeichen (Trop) im Tanach fertiggestellt.

Am spaeteren Nachmittag fand die zweite Vorlesung von Dr. Meron statt in der er ueber die teils gluecklichen, teils leidvollen Erfahrungen der Einwanderer der fuenften Aliyah sprach. Anhand von ca. einem Dutzend Exzerpten aus Tagebuechern und Biografie erhielten wir einen Eindruck von dem Leben einiger Einwanderer, welche zwar physisch ihre Heimat in Deutschland fuer immer verlassen hatten, sich aber seelisch nie ganz im neuen Land zuhause fuehlten. Folgendes Zitat von
Lola Landau (1892-1990), im fiktiven Dialog mit Ihrem in Deutschland gebliebenen (nichtjuedischen) Geliebten, gibt die Gefuehlslage dieser Menschen auf eindrucksvolle Weise wieder:

„’Ist dies wirklich dein Volk?’ hoerte ich Armin fluestern.

‚Bist du diesen Menschen verwandt?

Was hast Du Gemeinsames mit ihnen, wenn sie auch Juden sind?

Gehoerst du nicht viel mehr zu mir als zu ihnen?’

Armins Stimme stoesst mich leise an, sie stoesst gegen mein Herz, laehmt mir Zunge und Lippen. Muehsam suche ich nach einer Antwort. ‚Nein, sie sind nicht mein Volk, noch nicht. Sowie ja auch ich hier noch halb, nicht ganz bin. Aber ihre Urenkel und meine Urenkel werden ein Volk sein. Denke an das Maerchen von Allerleirauh! Dem armen Maedchen, das sich aus lauter bunten Lumpen ein Kleid naehte, strahlte ihr Gewand in einer einzigen Farbe, in hellem Golde. So wird es auch spaeter mit meinem aus Fetzen und Flicken zusammengesetzten
Volk.“


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